Starke Texte

Newsletter mit starken Texten von Jürg Vollmer

Ich recherchiere im Spannungsfeld von Landwirtschaft und Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie. In meinem Newsletter publiziere ich die daraus entstandenen Hintergrundberichte, Reportagen, Interviews und Analysen. Im Newsletter kuratiere ich auch Beiträge aus anderen Medien, selbstverständlich mit einem Link zum Original.
Werden Schweizer Bauern mit dem Traktor vor das Bundeshaus fahren?

Werden Schweizer Bauern mit dem Traktor vor das Bundeshaus fahren?

Editorial von Jürg Vollmer

Die kurze Antwort: Nein. Ich bin mir sicher, dass die Schweizer Landwirte nicht mit ihren Traktoren vor das Bundeshaus in Bern fahren.

Die ausführlichere Antwort: Die Politik und Milliardenkonzerne wie Migros und Coop zwingen die Landwirte zu einem irrsinnigen Spagat. Sie sollen industriell genormt und effizient (möglichst noch billiger als im Ausland) produzieren – aber mit Rücksicht auf Tierwohl und Umwelt (verantwortungsvoll). Die Schweizer Landwirte haben diesen Spagat irgendwie immer noch geschafft.

In Deutschland ist es noch schlimmer. Denn in Deutschland gibt es keine Volksinitiativen und Referenden, mit denen die Stimm-bürger die «schlimmsten» politische Entscheide kippen können.Und im deutschen Parlament haben die Landwirte gar nichts zu melden. Der deutsche Bundestag zählt 736 Abgeordnete – davon sind aber weniger Agrarpolitiker als im Schweizer Parlament mit nur 246 Nationalräten und Ständeräten.

Dass die ehemaligen Landwirtschaftsministerinnen Renate Künast (Grüne) und Julia Klöckner (CDU) als Bundestags-Abgeordnete den heutigen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) für eine Agrarpolitik kritisieren, die sie selbst seit 2001 verbockt haben, macht die Sache nicht besser.

Und der deutsche Bauernpräsident Joachim Rukwied vertritt zwar 300'000 landwirtschaftliche Betriebe, also acht Mal mehr als der Schweizer Bauernpräsident Markus Ritter. Im Unterschied zum mächtigen «Bauerngeneral» Ritter ist Rukwied im deutschen Regiment aber im besten Fall ein motivierter Leutnant.

Denn die meisten agrarpolitischen Entscheide werden in den EU-Gremien in Brüssel gefällt. Von «Landwirtschaftspolitikern» wie der deutschen Fernsehköchin Sarah Wiener (Grüne), die allen Ernstes behauptete, «das Düngemittel Glyphosat wurde ursprünglich als Antibiotikum erfunden».

Und selbst wenn die deutsche Regierung etwas entscheiden könnte – sie will nicht. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist die personifizierte Teflonpfanne, Finanzminister Christian Lindner (FDP) dagegen so hart wie ein Amboss, wenn es um die Unterstützung der Landwirtschaft geht.

Da kann Landwirtschaftsminister Özdemir innerlich auf Schwäbisch fluchen: «Heida Bimbam und Sagg Zemend, des isch doch zom Henna melga!» – aus Brüssel und Berlin haben die deutschen Landwirte nichts zu erwarten.

Die Schweizer Landwirte sind weniger von der EU abhängig und haben die Gewissheit, dass mit der auf 2030 verschobenen Reform des Landwirtschafts-Gesetzes endlich Ruhe in die hektische Agrarpolitik kommt, die bisher alle vier Jahre die Landwirtschaft neu erfinden wollte.

Auf dem Weg dahin sollen nicht nur Massnahmen für die Landwirtschafts-Betriebe eingeführt werden, sondern für alle Akteure der Wertschöpfungskette. Und unter «allen Akteuren» verstehe ich namentlich die beiden orangen Elefanten Migros und Coop sowie deren Kunden, die Konsumenten.

Es liegt nun an den im Herbst 2023 gewählten Agrarpolitikern und an «Bauerngeneral» Markus Ritter, dass dies auch so kommt. Solange fahren weiterhin nur die Berner Buslinien 10 und 19 am Bundeshaus vorbei, aber keine Traktoren.

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