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Newsletter mit starken Texten von Jürg Vollmer

Ich recherchiere im Spannungsfeld von Landwirtschaft und Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie. In meinem Newsletter publiziere ich die daraus entstandenen Hintergrundberichte, Reportagen, Interviews und Analysen. Im Newsletter kuratiere ich auch Beiträge aus anderen Medien, selbstverständlich mit einem Link zum Original.
Der neue Nachhaltigkeits-Index von Urs Niggli soll den LandwirtInnen klare Ziele vorgeben

Der neue Nachhaltigkeits-Index von Urs Niggli soll den LandwirtInnen klare Ziele vorgeben

Text & Bild: Jürg Vollmer

Einen neuen Nachhaltigkeits-Index hat die Schweizerische Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor SALS in Zusammenarbeit mit Urs Niggli entwickelt, dem Agrarwissenschaftler, Vordenker des biologischen Landbaus und langjährigen Leiter des Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. Mit diesem Index sollen LandwirtInnen die Massnahmen für Nachhaltigkeit selbst definieren können.

Die Regulierungsdichte in der Schweizer Landwirtschaft ist jenseits von Gut und Böse. Das staatliche Mikromanagement regelt die landwirtschaftliche Produktion bis ins kleinste Detail, vom sogenannten Hasenweizen (Getreide in weiten Reihen) über die Pflanzabstände von Hochstammbäumen bis zum Weidejournal für die Kühe.

Und alle vier Jahre erfinden Politik und Verwaltung die Landwirtschaft neu. Das nennt sich dann Agrarpolitik AP22+ oder ähnlich. Förderbeiträge des Bundes werden umgelagert. Was gestern gut war, ist heute schlecht. Die Bedürfnisse des Marktes interessieren dabei nicht, jene der Bauernfamilien schon gar nicht.

Die Schweizerische Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor SALS glaubt, gegen diesen administrativen Albtraum ein «Rezept» gefunden zu haben: den Nachhaltigkeits-Index. Erstellt hat den Index das Institut für Agrarökologie von Urs Niggli, Vordenker des Bio-Landbaus und ehemaliger FiBL-Direktor.

Dieser Nachhaltigkeits-Index soll den LandwirtInnen Planungssicherheit und klare Ziele in die Hand geben, die sie mit innovativen Konzepten und individuellen Lösungen selbstständig auf ihrem Betrieb erreichen können.

«Das erfordert allerdings ein radikales Umdenken», erklärt Urs Niggli auf Nachfrage. «Wir müssen alle Stufen der Wertschöpfungskette und alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit berücksichtigen.» Das sind:

  • ökologische Nachhaltigkeit
  • ökonomische Nachhaltigkeit
  • soziale Nachhaltigkeit

Der Nachhaltigkeits-Index soll Eigenverantwortung fördern

«Ein ganzheitlicher Ansatz ist Voraussetzung für eine effektive Steuerung», betont Urs Niggli. Der von ihm geschaffene Nachhaltigkeits-Index legt 388 Indikatoren fest, mit denen die Nachhaltigkeit in allen drei Dimensionen gemessen werden kann, und er berücksichtigt alle Akteure der Wertschöpfungskette.

So können Zielkonflikte erkannt und analysiert werden. Das ermöglicht dem Bund, Ziele festzulegen, die in Eigenverantwortung von den Akteuren umgesetzt werden.

«Der Index stellt auch sicher, dass die Probleme nicht von einer Stufe der Wertschöpfungskette in die andere oder ins Ausland verschoben werden», erklärt Urs Niggli. Aber auch Branchen könnten ihre Anstrengungen damit harmonisieren. An die Stelle von Planwirtschaft träte verantwortungsvolles Unternehmertum.

Der Nachhaltigkeits-Index soll als Grundlage der Agrarpolitik AP2030 dienen

Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW möchte 2024 als Referenzjahr nehmen für die Ziele der Agrarpolitik AP2030. Niggli rechnet damit, dass der Nachhaltigkeits-Index dafür schon als Grundlage dienen könnte.

«Damit könnte die Nachhaltigkeit des Landwirtschafts- und Ernährungssystems erstmals wissenschaftlich fundiert gemessen werden.» Das ermögliche eine Neuorientierung der Politik und «weg von Hunderten von Einzelmassnahmen hin zur Definition von Zielen!»

3 Fragen an Urs Niggli zum Nachhaltigkeits-Index

Der Nachhaltigkeits-Index soll 388 Indikatoren haben – das sieht nicht nach einer administrativen Vereinfachung aus.

Die Indikatoren im Nachhaltigkeits-Index sind das «Inhaltsverzeichnis». In der Praxis gelten nur die relevanten Indikatoren, im viehlosen Betrieb sind zum Beispiel die Indikatoren im Tier-bereich irrelevant und umgekehrt.

Auch im aktuellen System mit ÖLN, BTS, RAUS, Labels und Swissgap gibt es viele Kontrollpunkte. Der Nachhaltigkeits-Index könnte dafür eine neue branchen-übergreifende Basis sein.

Und der Nachhaltigkeits-Index gibt nur die Ziele vor. Die Landwirtschafts-Betriebe sollen die Massnahmen selbst definieren können. Das ist flexibler und standortangepasster.

Die meisten Indikatoren betreffen die Landwirtschaft und nicht die Verarbeitung oder den Handel. Warum ist das so schlecht verteilt?

Die Anzahl Indikatoren ist keine Angabe zur Relevanz jeder Stufe der Wertschöpfungskette. Der wissenschaftsbasierte Nachhaltigkeits-Index misst dort, wo die Auswirkungen effektiv stattfinden.

Die Nachfrage (der Konsum) muss mit der Produktion nachhaltiger werden. Die Probleme sollen nicht von einer Stufe der Wertschöpfungskette auf die andere verschoben werden.

Der Nachhaltigkeits-Index soll die nächste Agrarpolitik AP2030+ beeinflussen. Wie soll das gehen?

Der künftige Nachhaltigkeits-Index soll Antworten auf die Zielsetzungen der nächsten Agrarpolitik liefern:

Ganzheitlicher Ansatz von der Produktion bis zum Konsum, die sich im Gleichschritt entwickeln müssen. Defizite können gezielt geortet werden und Massnahmen von den Akteuren der Wertschöpfungskette oder von der Politik ergriffen werden.

Mehr Branchen-Verantwortung, weil mit einem offiziell anerkannten Index eine Bestandesaufnahme gemacht wird und die Ziele fest-gelegt werden. Die Massnahmen können die LandwirtInnen und Unternehmen selber definieren.

Eine offizielle, wissenschaftsbasierte Messlatte als gemeinsames Fundament für die Wertschöpfungsketten. Darauf können die Branchen Ihre Lösungen aufbauen.

Die Schweizerische Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor SALS

Die Schweizerische Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor SALS vertritt die Interessen der Schweizer Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft.

Die SALS vernetzt und fördert einen konstruktiven Dialog mit den Partnern der Wertschöpfungskette, der Politik, Verwaltung und Interessengruppen.

Die SALS zählt 60 Organisationen, Institutionen und Unternehmen aus allen Stufen der Wertschöpfungskette zu ihren Mitgliedern.

Unter anderem den Schweizer Bauernverband SBV und den Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband SBLV sowie die Bauernverbände aller Deutschschweizer Kantone.

Zu den SALS-Mitgliedern zählen auch Swissmilk, der Schweizer Obstverband und der Schweizerische Getreideproduzentenverband SGPV, Gallosuisse und die Schweizer Geflügelproduzenten SGP, der Schweizerische Landmaschinen-Verband und die GVS Gruppe.

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